Der Stieglitz - Vogel des Jahres 2016

Stieglitz Foto: M. Kühn
Stieglitz                                Foto: M. Kühn

 

Mit dem bunten Stieglitz ist die Wahl zum Vogel des Jahres auf einen echten Sympathieträger gefallen. Sein kunterbuntes Federkleid und die klingende Stimme heben ihn aus der Menge der einheimischen Vögel hervor.

Natürlich soll die Wahl zum Vogel des Jahres auch Hinweis geben auf die veränderten Lebensumstände, mit denen der Stieglitz zu kämpfen hat.

Er repräsentiert die große Gruppe der Singvögel, deren Bestände in den letzten Jahrzehnten so massiv eingebrochen sind. Beim Stieglitz ist das ein Rückgang von etwa 48 %!

Ursache ist bei all diesen Arten die immense "Sauberkeit" unserer Landschaft. Die fast vollkommene Nutzung der Flächen, die meist keinen Strauch- und Krautbesatz duldet, das stückweise Beseitigen von Brachflächen, Feld- und Wegrainen und auch das ordentliche Abmähen von straßenbegleitenden Wildkrautstreifen vor dem Winter - dem Stieglitz wird damit die Nahrung genommen.

Der Stieglitz - Zweitname Distelfink- ist auf Sämereien spezialisiert. Er frisst z.B. Distel- und Klettensamen, Eschen- und Ahornfrüchte, und auch die harten, kugeligen Platanenfrüchte werden zerzupft.

Stieglitze sind fast immer in Gruppen unterwegs, und besonders im beginnenden Winterhalbjahr fliegen größere Schwärme umher und stürzen sich auf die verfügbaren Samenstände.

  

 

 


Nachlese zum Vogel des Jahres 2016

 

Mit unserem Vortrag wurde der Stieglitz als Vogel des Jahres 2016 verabschiedet.

Dr. H. Sedelmeier hielt einen mit  - es geht um den Stieglitz! - natürlich sehr schönen Bildern versehenen Vortrag über Aussehen, Balz, Brut und Aufzucht der Jungen des Stieglitzes.

Zum ersten Mal überhaupt, seit ein "Vogel des Jahres" gekürt wird, war ein Vogel aus der Ordnung der Sperlingsvögel der Titelträger. Seine Wahl sollte die Not der Feldvögel in einer inzwischen radikal intensivierten Nutzlandschaft aufzeigen. Die Entfernung von Krautsäumen und ein massiver Einsatz von Spritzmitteln vernichten die Nahrung der Vögel und vergiften sie über die Nahrungskette.

Es bleibt zu hoffen, dass ihm und anderen Feldvögeln wenigstens die vielerorts begonnenen Blühstreifenprogramme etwas helfen.

In den Städten zeigen sich - wegen der Größe der verfügbaren Flächen meist im öffentlichen Raum - manchmal gute Ansätze zu naturnäherer Gestaltung bzw. "Laissez-faire", wohingegen die Planer von Wohnanlagen wie auch die Verwaltungen sich großteils scheuen, trotz des Wunsches nach billig pflegbarer Schlichtgestaltung den Mut zu etwas "Unordnung" aufzubringen - obwohl gerade in der Stadt Blumenwiesen und naturnahe Pflanzungen so wichtig für das Lebensgefühl sind und wenigstens die robustesten Stadtvögel wieder ihr Auskommen finden sollten. 

 

 

Ein Stieglitz-Paradies
Ein Stieglitz-Paradies

Portrait des Stieglitz

Gemälde im Schloss Nymphenburg
Gemälde im Schloss Nymphenburg

 

Portrait der Art

Erwachsene Vögel:

rotes Gesicht, schwarz-weißer Kopf, schwarze Flügel mit breit-gelbem Flügelstreif, der auch beim zusammengelegten Flügel sichtbar ist. Im Flug auffallend weißer Bürzel und schwarzer Schwanz mit weißen Flecken. Schnabel für einen Finkenvogel recht spitz und lang, elfenbeinfarben. Beim Weibchen reicht die rote Maske nicht bis hinter den Augenrand wie beim Männchen; nur schwer erkennbar. 

Jugendkleid:

Kopf einfarbig braun, Rücken- und Unterseite gefleckt, die gelbe Flügelbinde ist schon entwickelt.

 

Lockruf, besonders im Flug: „tiglitt”

Gesang: hastiges Lied, immer wieder mit „tiglitt” untermischt.

 

Geselliger Vogel, immer in Gruppen unterwegs, selbst während der Brutzeit. Quirlig von Pflanze zu Pflanze wechselnd.

 

Brutgebiet: offene, baumreiche Landschaften, Dorfgärten, Obstplantagen. Nach der Brutzeit auch an Wegen, Bahndämmen usw.

 

Winter: Brachland, v. a. mit Distel- und Klettenbeständen, frisst Samen in Birken, Eschen, im zeitigen Frühjahr Kiefernsamen, teils zusammen in Gruppen mit Erlenzeisigen.

 

Nahrung: Sämereien, besonders Distelsamen, Samen anderer Korbblütler und Hochstauden, auch Insekten.

 

Paarbildung: findet bereits im Vorfrühling in den herumziehenden Schwärmen statt. Stieglitze führen eine monogame Saisonehe.

 

Brutzeit: Mai bis Juli, 2 Jahresbruten.

 

Nest: dickwandiger Napf aus feinen Stängeln, Wurzeln, Halmen, Moos und Flechten, ausgekleidet mit Pflanzenwolle. Lage des Nestes in 3-12 m Höhe, hoch in Baumkronen auf Astenden, gerne in Ahorn, Kastanie, Pappel, aber auch in hohem Gebüsch. 

Das Weibchen baut alleine das Nest, brütet 12-13 Tage. Die Eier sind weiß mit rotbraunen Sprenkeln, normalerweise fünf. Das Männchen übergibt Futter an das Weibchen, dieses füttert in der ersten Woche die Samen in milchreifem Zustand aus dem Kropf, später direkt das mitgebrachte Futter. Nur der engere Nestbereich wird gegen andere Stieglitze verteidigt.

Junge der 2. Brut verlassen oft erst Ende August das Nest; manchmal gibt es noch Nestlinge Mitte September.

Teilzieher, hauptsächlich März bis April sowie Oktober bis November.

 

Gefährdung:

Obstgärten, Ruderalfluren und Hochstaudenfluren fehlen oder werden zum Winter hin abgemäht. Wie allen Feldvögeln wird dem Stieglitz das „ordentliche” Wegputzen der kleinen, nicht ertragbringenden Strukturen in der Landschaft zum Verhängnis.

 

 

Quellen: 

Limbrunner, Bezzel et al.: Enzyklopädie der Brutvögel Europas

Franckh-Kosmos Verlags-GmbH Stuttgart 2001

 

Černỳ Walter: Welcher Vogel ist das?

Kosmos Verlag, 1979

 

Svensson et al.: Der Kosmos Vogelführer

Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co.KG, Stuttgart 2011

 

Silvia Koch: Zeitschrift „Vögel” 1 / 2016, S. 70 ff.


Stieglitz an Eschensamen
Stieglitz an Eschensamen

Ein bekannter Vogel aus der Kindheit

(Quelle: Alle Vöglein sind schon da! Bilderbuch von Ida Bohatta-Morpurgo, Verlag Josef Müller, München 1934)
(Quelle: Alle Vöglein sind schon da! Bilderbuch von Ida Bohatta-Morpurgo, Verlag Josef Müller, München 1934)

 

Der Stieglitz


Wie mir mein grünes Höschen fehlt!

Das bisschen Blau und Rot und Gelb

und Braun mit Schwarz und Weiß darin,

man wär doch gern auch etwas grün,

sonst sind die Farben gar so matt.

Doch leider hat mein liebes Weib

mein grünes Höschen ausgeborgt,

so dass es jetzt der Zeisig hat.

 

(Quelle: Alle Vöglein sind schon da! Bilderbuch von Ida Bohatta-Morpurgo, Verlag Josef Müller, München 1934)

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